Audiovisuell komponierte Opern

Der Komponist und Hindemith-Preisträger Michel van der Aa legt Wert auf ganzheitlich erfahrbare, audiovisuell komponierte Opern

Kompromisse in der Kunst findet er faul, die Unterscheidung von Augen- und Ohrenkunst sei eine unnatürliche Trennung. Michel van der Aa sieht sich zwar an erster Stelle als Komponist und ist doch ein Gesamtkunstwerker der MTV-Generation, der Musik und Videokunst, Instrumentalspiel und Soundtracks, Gesang, Regie und Bühnenbild als Einheit gestaltet. Komponieren im handwerklichen Wortsinn als “Zusammenstellen” zu praktizieren, versteht er als eine genuin integrative Kunst.

Im WELT-Gespräch vor der Verleihung des begehrten Hindemithpreises durch den SHMF-Intendanten Rolf Beck und Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im Reinbeker Schloß betont der 36 Jahre junge audiovisuelle Zukunftsmusiker sein Bekenntnis zur Entgrenzung der Künste. Nicht die additiv totale Überwältigungsstrategie des romantischen Gesamtkunstwerks hat er im Sinn, sondern die Ergänzung der Leerstellen der Musik durch den Film und umgekehrt.

Besteht da nicht die Gefahr einer Schwächung des Wertes und der Bedeutung der Musik? Van der Aa bleibt konsequent: “Der Wert liegt im Ganzen. Eine losgelöste musikwissenschaftliche Analyse des auditiven Parts würde keinen Sinn machen. Die Künste brauchen und erweitern einander.” Mit diesem Selbstverständnis hat sich der Niederländer lichtjahreweit vom Geniekult und Ewigkeitsanspruch des in Noten gebannten Werks entfernt, wie ihn das 19. Jahrhundert behauptete. Wie denn wohl Inszenierungen seiner Opern in dreißig Jahren aussehen würden, wenn sich die visuelle Ästhetik längst radikal geändert haben wird? “Eine Herausforderung”, meint van der Aa, “da Film und Musik so eng verbunden sind”. Vielleicht müsse man die visuelle Schicht dann tatsächlich neu bearbeiten, vielleicht solle man das ganze aber auch einfach wegwerfen, wenn es die Menschen nicht mehr erreiche.
Vor allem die Zeitgenossenschaft der Inhalte ist ihm wichtig, nie die Faszination durch technische Mätzchen. “Mein Publikum muß durch die Geschichten berührt werden.” In denen will er ans Leben der Menschen anknüpfen und dennoch universale Themen verhandeln. Deshalb werden uns in seinem Musiktheater weder antike Götter noch heutige Aidskranke begegnen.

Van der Aa pflegt eine dokumentarische Arbeitsweise. In seinem jüngst in Amsterdam uraufgeführten Musiktheater After Life erkundet er die Zwischenwelt inmitten von Leben und Tod als Ort des kollektiven Bewußtseins. Vom Komponisten selbst geführte und gedrehte Interviews über Schlüsselerlebnisse des Lebens finden als Video-Sequenzen Eingang in die Oper, die Befragten treten uns nach ihrem Ableben als Sängerdarsteller live auf der Bühne als emotional begabte Wesen gegenüber. Ein klug Zeit und Raum verschachtelndes Beziehungsspiel entsteht. Van der Aa baut, ganz altmodisch, Identifikationsbrücken zur Wahrnehmung seiner Kunst, die in ihrer unorthodoxen Voraussetzungslosigkeit klassischer Bildung unmittelbare sinnlich theatralische Zugänglichkeit besitzt. Mit seiner sinnhaften “Balance aus Struktur und Poesie” wie jene der sinnigen “Referenz der Künste” überwindet van der Aa jedwede postmoderne Beliebigkeit und ermöglicht einen ganzheitlich unvoreingenommenen Kunstgenuß jenseits bildungsbürgerlicher Erwartungen.

— Peter Krause, Juli 2006, Die Welt