Vermessung von Zeit und Erinnerung

Die Cellistin Sol Gabetta, die in den letzten Jahren eine fulminante internationale Karriere hingelegt hat, ist nicht gerade als eine Anhängerin neuer Musik bekannt. Dennoch hat sie jetzt ein Cellokonzert erstaufgeführt und ist mit dem Stück gerade sogar auf Tournee durch sechs europäische Städte – die letzte Station wird an diesem Sonntag Hamburg sein. Vermutlich spielt Sol Gabetta das Stück auch deshalb, weil sich Michel van der Aas Up-Close (etwa: Nahaufnahme) grundlegend von allen anderen Cellokonzerten unterscheidet, die bis dato geschrieben wurden. Komponist van der Aa hat Up-Close zwar explizit für Sol Gabetta geschrieben – doch die zentrale Voraussetzung des Konzerts ist, dass es von einer jungen Cellistin gespielt wird. „Weil“, sagt der Komponist, „es sonst nicht funktioniert.“

Michel van der Aa, Jahrgang 1970, ist der eigenwilligste Komponist der Niederlande. Kein gnadenlos das Publikum verschreckender Avantgardist, kein esoterischer Metaphysiker, kein schwärmerischer Neoromantiker. Sondern ein kraftvoller Lebenssinnsucher, der herbe Klänge mit einer Vorliebe für peitschende Rhythmen und dichte Klangatmosphären verbindet. Van der Aas musikalische Vorfahren sind Strawinsky, Schostakowitsch und Louis Andriessen – aber schon lang hat er sich von ihnen emanzipiert. Auch weil er nicht nur Komponist ist.
Neben der Ausbildung zum Tonmeister studierte van der Aa Gitarre. Doch bald schon war er es nicht mehr zufrieden, neue Musik nur aufzunehmen und so sattelte er um aufs Komponieren. Und als ihm auffiel, dass er immer mehr Bühnenanweisungen in seine Partituren hineinschrieb, wandte er sich nicht einfach nur der Regie zu, sondern ging an die New York Film Academy.

Dort drehte er als Abschlussarbeit 2002 den Kurzfilm Passage: Bilder eines alten Mannes, gefangen in seinem Haus, von Einsamkeit bedrängt, die ihn an die Grenzen des Wahnsinns führt. Diesen Film hat van der Aa später mit einem seiner Klavierstücke kombiniert: Transit heißt jetzt dieser Dialog zwischen dem Live-Monolog eines Klaviers und der gefilmten Einsamkeitsstudie eines alten Mannes. Transit ist somit der Vorläufer des halbstündigen Cellokonzertes Up-Close, für das van der Aa ebenfalls einen Film gedreht hat, der bei den Aufführungen auf einer Leinwand neben den Musikern gezeigt wird.

Eine ältere Frau (Vakil Eelman) ist da zu sehen, die kein Wort spricht, aber seltsam verschlüsselte Botschaften schreibt. Mal bewegt sie sich zwischen Notenständern, mal im Wald, mal in einem einsamen Haus, in dem sie eine seltsame, vom Komponisten konstruierte Maschine bedient: Ist es ein Codiergerät, ist es ein Musikinstrument? Im Konzert laufen gelegentlich Filmsequenzen neben der Musik her, oft ist der Bildschirm dunkel. Nach und nach treten die Filmfrau und die Cellistin in einen stummen, nur durch die Musik vermittelten Dialog: Sol Gabetta verlässt ihr Podium, stellt Stehlampe und Stuhl vor die Leinwand und zuletzt spielt sie offenbar nur mehr für die alte Frau im Film. Die Dringlichkeit von deren Botschaften ist unverkennbar: Doch worauf wollen sie hinaus?

Alte Menschen spielen oft eine Rolle in van der Aas Stücken. In One (2002), seiner ersten Oper, gibt es die Lebenserzählung fünf älterer Frauen, die alle einen intensiven Bezug zur Protagonistin besit-
zen. Held seiner zweiten Oper After Life (2006) ist ein alter Mann, der sich im Durchgangsstadium zwischen Leben und Tod befindet. Immer geht es van der Aa dabei um Rückblick und Reflexion, weniger um Ausblick oder Zukunft.

“Measuring memories and measuring moments”, sagt der Komponist. Er ist ein Vermesser von Zeit und Erinnerung: „Das sind humanistische Angelegenheiten: Was finden wir im Leben wichtig? Wie blicken wir auf Ereignisse zurück?“
Dabei zählt weniger der politische oder der gesellschaftliche Aspekt. Denn van der Aa konzentriert sich auf Individuen und deren spezielle Sichtweisen und Erinn. Was seinen Stücken intimen Rahmen verleiht. Van der Aas Kompositionen bewahren stets ein Geheimnis, das sich dagegen wehrt in Worte übersetzt zu werden.
So auch in Up-Close. Stets hat der Zuschauer das Gefühl, dass auf der Bühne etwas ausnehmend Wichtiges verhandelt wird: Ängste, Einsamkeit, Verunsicherungen. Doch van der Aas Stücke zeigen das nicht offen, sondern verwandeln diese Befindlichkeiten in Stimmungen – und van der Aas Musik kann jede Art von Stimmung knapp und packend in Klänge umzusetzen, die von einer durch und durch unsentimentalen Melancholie grundiert sind.

Sol Gabetta and Vakil Eelman (film)

 

Die herbe Melancholie dieses Komponisten findet sich auch zu Beginn von „Up-Close“: Sol Gabetta spielt bei ihrem Auftritt im Amsterdamer Concertgebouw eine tastend einsetzende und oft unterbrochene Solokadenz. Immer wieder von unten beginnend drängt die Musik nach oben und gipfelt in einem virtuosen Mänadentanz, der von der Amsterdam
Sinfonietta furios aufgenommen wird. In seiner Dreisätzigkeit (schnell-langsamschnell) folgt Up-Close dem traditionellen Konzerttyp und auch sonst gibt es viel Herkömmliches, vor allem der rhythmische Furor, der die motorische Spielwut der Musiker, allen voran Sol Gabetta, herausfordert. Doch obwohl die Partitur nur drei Sätze ausweist, so ist das Stück fünfteilig.

Denn an den ersten Satz schließt sich ein geheimnisvoll versonnenes Intermezzo für Tonbandmusik und Film an, in dem erstmals die Cellistin direkt in Kontakt tritt mit ihrem alter ego auf der Leinwand: Beide tragen, gehetzt, eine Stehlampe durchs Bild, beide scheinen einen Dialog über die Generationen hinweg anzustreben, von dem sie nicht wissen, wie sie ihn beginnen, wie sie ihn führen sollen.

Häufig begegnen die Darsteller und Solisten in van der Aas Stücken einem alter ego. Manchmal werden sie auch mit der Aufnahme der eben erst von ihnen gespielten Musik konfrontiert: Der Solist blickt auf sein Tun zurück, er reagiert darauf.

Up-close - Sol gabetta
Up-close, Amsterdam Sinfonietta & Sol Gabetta


Gerade diese szenisch sichtbar gemachte Reflexion unterscheidet van der Aas Stücke grundlegend von denen seiner Kollegen. Sie produziert jene herbe Melancholie der Aussichtslosigkeit, wie sie sich in allen Stücken des Komponisten findet.
Also musste van der Aa irgendwann auf Fernando Pessoa und dessen „Buch der Unruhe“ stoßen, das er vor zwei Jahren als Oper herausbrachte. Der Dichter, der eine Reihe äußerst verschiedener Autoren erfand und unter deren Namen publizierte, sitzt hinter einem Vorhang und beobachtet die Welt: „Er träumt, er lebt in seinen Träumen und durch seine Beobachtungen.“ Das fasziniert van der Aa – auch wenn Pessoa nicht wirklich zu seinem alter ego taugt. Denn anders als der Dichter ist der Komponist sehr viel bewusster in der Welt verankert, deren Gesetze er elegant und leise manipuliert.

Sol Gabetta ist im Concertgebouw beim Abspann angekommen. Sie sitzt jetzt vor der Leinwand, von der aus Vakil Eelman sie angespannt beobachtet. Ein anrührendes Miteinander von Film und Live-Performance, von Vergangenheit und Gegenwart. Dann spielt Gabetta ein letztes ruhiges Solo, das von den Schattenklängen eines Cellos auf dem Tonband grundiert wird. Die beiden Frauen haben sich gefunden, sie haben sich verstanden. Ohne Worte und über die Generationen hinweg. Es scheint, als würde Gabetta nun die kryptischen Botschaften Eelmans in Musik übersetzen und somit fürs Heute retten. Und so schleicht sich in van der Aas Musik dann doch so etwas wie Ausblick und Zukunft ein.

— Reinhard J. Brembeck, Sueddeutsche Zeitung, 19.03.2011